Münster trauert um Marģers Vestermanis, der als Zeitzeuge im Alter von 100 Jahren starb
Trauer in der Villa ten Hompel, in Münster und im Münsterland um Marģers Vestermanis. Der durch Filme, Interviews und Reportagen weltberühmte, mit Westfalen eng verbundene Zeitzeuge, der als lettisch-jüdischer Widerstandskämpfer in Wäldern die Shoah überlebt und sich nach Kriegsende nachhaltig für die Erinnerungskultur im Baltikum engagiert hatte, verstarb am Donnerstag, 30. Juli, im Alter von 100 Jahren. Das teilten das Auswärtige Amt in Berlin und verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen in Europa zeitlich parallel mit.
Münster und dem Münsterland stand Marģers Vestermanis besonders nahe durch Verbindungen zum früheren bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei, zur Kriegsgräberfürsorge, der Wolfgang Suwelack-Stiftung in Billerbeck und stets seit Gründung des Geschichtsortes 1999 zur Villa ten Hompel in Münster, dessen Leiter Stefan Querl ihn mehrfach in Riga aufgesucht hatte als Holocaust-Überlebenden. Für die Stadt Münster, das KZ-Opfer- und NS-Verfolgten-Hilfswerk Maximilian Kolbe der katholischen Kirche und die Billerbecker Stiftung, die sich das Vermächtnis der NS-Verfolgten im Baltikum besonders zu eigen macht. „Die Biografie des Zeitzeugens ist ein Beispiel für Zivilcourage in den unterschiedlichen Zeitläuften“, unterstrich Querl auch im Auftrage von Wolfgang Suwelack in seiner Würdigung: „Während der NS-Herrschaft ebenso wie unter kommunistischer Repression bis zum Ende des Kalten Krieges 1989/90. Beachtenswert, dass Marģers Vestermanis sich nirgends und niemals hat einschüchtern lassen.“
In einem Kondolenzschreiben drückte auch Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs den Angehörigen im Baltikum, den Gedenkstätten und der jüdischen Gemeinde sein Beileid aus: „Der wache, kritische und stets geschichtsbewusste Geist war auch im hohen Alter bei Marģers Vestermanis gepaart mit einem starken Rückgrat, um etwa den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und seine fatalen Folgen für Europa klar zu benennen.“ Münster werde das Vermächtnis seines Friedens- und Versöhnungswillens bewahren und die Geschichte weitertragen. Beispielsweise durch Projekte in Schulen und Hochschulen sowie im Riga-Komitee, das die Kriegsgräberfürsorge durch die beteiligten Kommunen in Europa trägt. Münster gehört zu dessen Gründungsmitgliedern.
Seit dem 13. Dezember 1941 waren die meisten westfälischen Jüdinnen und Juden von Münster aus nach Riga deportiert und dort als so genannte „Reichsjuden“ ins Ghetto in der Moskauer Vorstadt gepfercht worden, dessen Vorgeschichte wiederum mit den Qualen und dem Verfolgungsdruck auf die lettischen Jüdinnen und Juden seit Einmarsch von Wehrmacht, SS und NS-Ordnungspolizei verbunden gewesen war. Nur knapp entkam Marģers Vestermanis den Massenmordaktionen der deutschen Besatzer und ihrer örtlichen Helfershelfer, die brutal „Platz“ für die ankommenden Reichsjuden schaffen und das Rigaer Ghetto räumen ließen, indem sie in Wäldern Exekutionen ansetzten.
Im vergangenen Dezember hatte der F.A.Z.-Redakteur Lorenz Hemicker als Sachbuchautor in der Villa ten Hompel im vollbesetzten Saale in Details davon berichtet. Hemickers Großvater war einer der Verantwortlichen für das Ausheben der Massengräber gewesen, was den Enkel als Journalisten zu Recherchen in Riga und zum Besuch bei Marģers Vestermanis veranlasst hatte. Der hochbetagte lettische Prominente galt als einer der letzten lebenden „Partisanen“, die später für ein jüdisches Museum und den Wiederaufbau der massiv dezimierten Synagogen-Gemeinde gekämpft hatten. Am kommenden Dienstag, 4. August, findet die Beerdigung statt unter Beteiligung von Trauergästen aus Münster und dem Münsterland.
Mehr zur Marģers Vestermanis und zu weiteren Nachrufen online:
https://gegen-vergessen.de/news/trauer-um-margers-vestermanis/


